14.07.1999 | Kalle

Jagd

Eine Kollegin kommt mit einem großen Korb zur Arbeit. Sie sagt, in ihm seien Erbstücke ihres Vaters. Wir sollten schauen, ob wir was gebrauchen können, ansonsten würden sie bei eBay landen. Oder vielleicht sogar in den Müll ? Ich schlucke, als ich hineinsehe: Der Korb enthält lauter kleine Geweihe. Ihr Vater sei Jäger gewesen. Alle Schilder fein säuberlich beschriftet, mit Ort und Datum der Tötung.

Eines fällt mir fort ins Auge. Das Gehörn ist wunderschön gewachsen und beinahe symmetrisch. „14.07.1999 Koberg West“ steht auf der Rückseite. Eine Kollegin mutmaßt „Drei Jahre alt, weil er je drei Spitzen an den Stangen hat.“ Puh.

Ich mag solche Trophäen nicht. Ich mag es nicht, wenn Menschen andere Lebenwesen töten. Die Jagd an sich kann ich im Ansatz sogar noch verstehen. Gutheißen tue ich sie nicht. Angeblich dient sie der Revierpflege. Der Dezimierung der Gruppe, zum Erhalt der Anderen. Aber wieso muss dezimiert werden? Wieso sind Populationen zum Teil stark gestiegen? Hat der Mensch nicht genug dazu beigetragen? Monokulturen, fehlende natürliche Feinde wie Wolf, Luchs, Fuchs und Bär? Und ich hasse die Jagd als gesellschaftliches Ereignis. Oder wenn ich sehe, dass nicht der ortsansässige Jäger jagt, sondern jemand mit blankgeputzem Jeep und Hamburger Kennzeichen vorfährt…

Ich stehe also da und in Bruchteilen von Sekunden sagt mir irgendwas: Der muss mit! Der darf nicht als Jagdtrophäe bei jemandem enden, der sich erhaben im Angesicht eines toten Tieres fühlt. Und so nehme ich ihn mit nach Hause. Kalle. Der Name schiesst mir als erstes in den Kopf. Ich schmirgele das Schild zuhause ab. Vorsichtig, damit er nichts abbekommt. Dann tauche ich den Pinsel in Silber und beginne zu malen. Ein bisschen fühle ich mich an kultische Rituale alter Zeiten erinnert. Auf meinem kleinen Balkon, zwischen Wäscheständer und Sonnenstuhl.

Und ein bisschen soll es auch so sein. Ich möchte Kalle Respekt zollen. Ihm noch einen Nutzen geben, damit er nicht umsonst gestorben ist. Und vielleicht hat auch ja ein Jäger manchmal ähnliche Gedanken, wenn er ein neues Geweih an die Trophäenwand hängt. Was für ein Leben hätte das Tier geführt?  Wie alt wäre es wohl geworden? Wie viele Nachkommen hätte er gezeugt? Und wie prächtig hätte sein Geweih aussehen können?

All das werden wir über Kalle nicht mehr erfahren. Nach dem 14.07.1999.

kalleneu2 kallestangeneuP.S.: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel überhaupt veröffentlichen soll. Man kann behaupten, dass ich sogar ein bisschen Angst hatte. Aber Kalle ist mir ans Herz gewachsen und so möchte ich seine Geschichte erzählen. Von dem kleinen Rehbock, der sehr unerwartet in mein Leben kam.

11 Gedanken zu „14.07.1999 | Kalle

  1. Ginni

    Ich mag solche Trophäen überhaupt nicht. Auch ausgestopfte Tiere finde ich ganz furchtbar, wie sie einen mit ihren stumpfen Knopfaugen anstarren. Über das Thema Jagd mag man sich streiten, ich mag sie als gesellschaftliches Ereignis aber ebenso wenig wie Du! Warum die Revierpflege tatsächlich notwendig ist und wie viel der Mensch letztendlich selbst dazu beigetragen hat, vermag ich fachlich nicht zu beantworten – dazu kenne ich mich zu wenig aus. Aber oberflächlich betrachtet liegt es für mich ebenfalls nahe, zu behaupten, dass der Mensch erst die Ursache für dieses Problem ist.

    Als Wolfs-Fan sehe ich es ja schon an den wiederkehrenden Wölfen: Kaum sind die Wölfe zurück (WIRKLICH zurück, nicht nur im Zoo), ist das Geschrei auf einmal groß und ich habe den Eindruck, dass sehr, sehr viele Menschen diese wunderbaren Tiere am liebsten doch gleich wieder ausrotten wollen. Wölfe ja, im Zoo, schön auf dem Poster – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Bloß nicht mit der Natur LEBEN und sich arrangieren. Das ist unbequem.
    Aber so wird es eben auch hierzulande vermutlich nie natürliche Feinde geben KÖNNEN, denn auch Bären werden ja, wie die Vergangenheit es zeigt, gleich abgeknallt, sobald Sie einen Fuß nach Deutschland setzen.
    Deine Wiederverwendung des Geweihs finde ich schön. Besser, als wenn es auf dem Müll landet.

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  2. Miezy läuft

    Hey, ich habe auch Jahre lang so gedacht wie du. Bis meine liebe Freundin das „grüne Abitur“ (Jagdschein) gemacht hat.
    Die Auflagen sind der Wahnsinn, der Stoff -den es zu lernen gilt- ist unglaublich umfangreich. Die Gebühren sind hoch.
    Niemand kann also „einfach so“ aus einer Laune heraus Jäger werden. Dazu muss man sich dann noch ein Revier anschaffen… man darf nicht einfach morgens nach Bayern fahren und da irgendwas schießen.
    Es gibt Schonzeiten und Jagdzeiten. Jäger jagen nicht nur- hege und pflege stehen ebenso auf der to-do-Liste!
    Verfängt sich ein junger Bock in einem Weidezaun muss geholfen werden! Man schießt nicht auf ein gesundes Tier, nur weil es gerade wehrlos ist.
    Ich erlebe dies bei uns auf dem Lande als Reiterin immer wieder aus erster Reihe mit.

    Wie gesagt- früher war ich auch gegen die Jäger, aber heute sehe ich das differenzierter (ja, sogar obwohl ich Vegeratierin bin seit 2001). Der Wald will auch leben und das kann er nicht, wenn er z. B. von 4000 Rehen niedergefuttert wird. Oder von 8.000 Kaninchen ausgehöhlt….

    JA, es gibt sicher Jäger, die nur aufs Töten aus sind und die Geweihe an den Wänden mögen. Aber das ist (meines Wissens nach) die Minderheit und schwarze Schafe gibt es ja leider überall! Hand aufs Herz!
    Aber ich kenne 12 Jäger/innen persönlich und dies sehr gut (Freundin, Stallbesitzer, Stallbesitzerin, Nachbarn) und seit dem ich mich damit befasst habe kann ich sagen: die meisten Jäger jagen, um die Tierbestände im Gleichgewicht zu halten.
    Also anders, als alles, was z. B. Fischer tun… oder Großwildjäger… oder jeder Mensch, der Fleisch zu sich nimmt…

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  3. Nele

    Moin Kathrin,

    vielen Dank für den Mut diesen Artikel zu veröffentlichen. 🙂 Ich finde Deine Gedanken zum Thema gut und richtig und wichtig. Schön, dass der kleine Rehbock noch ein „Zuhause“ und eine kleine Aufgabe gefunden hat.

    Schokoladige Grüße,

    Nele

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  4. Nur mal kurz gucken

    Ich denke man muss differenzierter an das Thema Jagd herangehen. Miezy hat es schon sehr gut geschildert. Ich lebe ebenfalls auf dem Land, kenne einen Jäger sehr gut und bekomme auf diesem Wege einiges mit. Dein Satz bezüglich HH-Kennzeichen und sauberem Jeep stören mich ehrlich gesagt. Wenn du das Gefühl hast da jagt jmd der da nicht hingehört, würde ich das mit dem ortsansässigen Jäger besprechen. Denn schliesslich soll jeder sein eigenes Revier haben und nicht in fremden Revieren wildern.
    Eine Frage, die mir sofort in den Sinn kam: Was machst du denn nun mit dem Geweih? An sich gefällt mir der Gedanke Kalle ein bisschen Würde zurückzugeben. Aber ich finde die nimmst du ihm auf gewisse Weise durch das Anpinseln mit silberner Farbe. Das klingt so hart, ich weiß. Ihn so „naturbelassen“ (das ist in Anbetracht der Umstände sicherlich das falsche Wort aber ich denke und hoffe du verstehst was ich meine) im Wald beizusetzen, da wo er hingehört und seine Wurzeln sind, hätte für mich mehr Sinn ergeben.
    Mir gefallen Beiträge die anecken. So finde ich deinen Beitrag sinnvoll und es ist toll, dass du den Mut hattest ihn online zu stellen!
    Liebe Grüße
    Nicole

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  5. strawberrymouse

    Zu allererst: ich finde, man sollte sich nie davor scheuen, einen Artikel auf seinem Blog zu veröffentlichen (solange er, klar, nicht gegen die guten Sitten verstößt oder Unwahrheiten verbreitet – Letzterem kann man ja aber mit Recherche oder einem „ich weiß es nicht genau“ entgegenwirken).
    Zum Inhalt: in einem meiner Praktika hatte ich einen Chef, der Jäger war (und noch ist). Eine interessante Kombi: der Jäger und die Vegetarierin.^^ Allerdings konnte ich Einiges von ihm lernen; über die Restriktionen und vor allem auch darüber, dass mein Bild (und ich würde vermuten, das auch vieler Anderer), nämlich, dass die Leute schlicht jagen, weil sie Freude am Erlegen haben, schlichtweg falsch ist. Ich esse kein Fleisch, weil mir mein moralischer Maßstab dies sozusagen verbieten (ich könnte keines töten, also erlaube ich es mir auch nicht eines zu essen) und ganz „grün“ bin ich mit der Jagdsache auch nicht. Letztlich sind wir Menschen ja die Verursacher, also schuldig und jetzt sind wir dafür verantwortlich, den kybernetischen Kreislauf zu erhalten. Ironisch. Wünschen würde ich mir, dass die Resultate, also ein Leben nehmen, mehr geschätzt würden. Und z.B. die Knochen nicht als „Trophäe“ angesehen werden, sondern vielleicht eher als ein Mahnmal. (Gleiches gilt für mich für Fleisch essen; ich habe kein Problem damit grundsätzlich, würde mir nur wünschen, dass die Menschen sich mehr Gedanken darum machen und dies schätzen). Ich finde es schön, dass Du Kalle gedenkst, auch wenn sicher nicht jeder mit der Bemalung einverstanden ist…aber das ist ja jedem selbst überlesen.

    Viele Grüße von einer verbleibenden Abonnentin 😉

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  6. Aska

    Ein schöner Artikel zu einem traurigen Thema.

    Mein Onkel war Jäger, mit eigenem Revier. Er hat NIE eines der Geweihe aufgehoben. Nie irgendwas ausgestopft. Es gehörte für ihm mehr dazu Jäger zu sein wie einfach zu jagen. Die Pflege seines Reviers, der Schutz seiner Tiere stand an erster Stelle. Gejagt wurde nur, wenn ein Tier sichtbar krank war. Damals (vor 20-30 Jahren) war das mit Tierarzt für Wildtiere noch nicht so wie heute. Und versucht mal einer ein wildes Tier einzufangen…..

    Für ihn waren (er lebt nicht mehr) Jäger, die für Trophäen jagen, einfach nur Menschen, die zu viel Zeit hatten. Sie mussten zwar die gleichen Auflagen erfüllen um einen Jagdschein zu machen wie er. Schossen aber wie ihnen lustig war. Einladungen zum Jadgstammtisch bekam er nicht, er wurde verachtet von den anderen Jäger. Weil er mit Herzblut dabei war und jedes getötete Tier ein totes Tier zuviel für ihn war.

    Ich denke mal, wenn mein Onkel heute noch leben würde, dann würde er heute ein verletztes Tier nicht sofort erschießen. Sondern erst einmal versuchen zu helfen.

    Bei ihm wurden schon damals kranke Hühner/Hähne zum TA gebracht – und nicht sofort geschlachtet. Er war seiner Zeit weit voraus…..

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  7. Sophie

    Liebe Kathrin,
    auch finde es sehr gut, dass Du den Artikel veröffentlicht hast!
    Ich möchte noch einen anderen Punkt zum Thema Jagdtrophäen ansprechen: In den letzten Jahren sind sie ja als Dekoobjekte überall zu sehen. Wenn zu diesem Zweck die „Kalles“ benutzt werden, die aus Großvaters Nachlass stammen, finde ich das irgendwie auch in Ordnung, da sie nich einen weiteren Nutzen haben. Doch warum werden inzwischen Geweihe auch schon künstlich hergestellt, nur damit wir unsere Ketten daran aufhängen können?! Ich denke, dies ist etwas völlig unnötiges und lässt den schlimmen Hintergrund der Jagdtrophäen völlig außer Acht….
    Danke für einen guten Denkanstoß!
    Liebe Grüße
    Sophie

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  8. Julia

    Ich finde die Jagd an sich ganz schrecklich und solche Trophäen erst recht. Total unsinnig wie ich finde. Mit tut das Tier einfach nur leid.

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  9. Ela

    Interessante Gedanken zum Thema, auch in den Kommentaren hier. Mein Onkel ist Jäger und ich stimme zu, es geht nicht in erster Linie darum wehrlose Tiere abzuknallen. Trotzdem, iIch würde mir kein Geweih aufhängen (auch keins aus Plastik), das fände ich als Pazifistin und Vegetarierin einfach irgendwie makaber. Es wegwerfen wenn es schon da ist, ist aber natürlich auch völlig absurd. Ich kaufe ja auch Lederprodukte 2nd hand. Von daher… Schwierig, ethisch und moralisch! Danke für den Denkanstoss…
    Liebe Grüße,
    Ela

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  10. Hesting

    Die Jäger, die ich kenne, verbringen 90% ihrer Zeit mit der Revierpflege, z.B. dem Zählen der Tiere. Geschossen wird vielleicht drei-vier Mal pro Jahr und das nur, wenn die Naturschutzbehörde des Bundeslandes Tiere zum Abschuß freigibt. Oder, wenn man wenig Zeit hat, auch gar nicht. Man bekommt als Jungjäger auch nicht automatisch ein Revier, sondern bringt sich öfter als Helfer ein, einfach, weil es nicht so viele Reviere gibt und die Materie relativ komplex ist.
    Das Problem, weshalb bejagt werden muß, ist aber im Großen und Ganzen tatsächlich die Ausbreitung des Menschen (Straßen, Städte, Waldnutzung, Landwirtschaft). Man stellt ja auch keine Schafe im Winter auf eine Obstbaumwiese. 😉

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  11. Ronja

    Ich finde Tröphäen auch nicht gut. Gab es da nicht kürzlich diesen Fall von einem Finanzbeamten, der ein Bild von sich und einem erschossenen afrikanischen Großwild (weiß nicht mehr, was es war) über den Betriebsverteiler geschickt um anzugeben, aber damit einen Shitstorm ausgelöst hat?

    Allerdings kenne ich einige Jäger persönlich und weiß auch, dass das hier in D nicht ohne ist.
    Vor allem die Revierpflege… Und wenn Bahngleise oder eine Straße durch das Revier verlaufen und es gibt einen Unfall, dann muss der Jäger hinfahren und sich um das Tier kümmern. Kümmern heißt: Helfen oder erlösen. Ich habe da schon sehr unschöne Geschichten gehört und bin für diesen Teil froh, dass es Jäger gibt die sich mit Fachkenntnis darum kümmern.

    Ich finde du hast Kalle sehr schön gewürdigt!
    Es ist eine Sache, Trophäen zu jagen. Aber eine ganz andere, Erbstücke zu würdigen. Ich hab ein Flaschenöffner-Set aus Geweih von meinem Opa. Ich sehe da nicht das Geweih, für mich ist das ein Erinnerungsstück.
    Oh, und ich habe am Strand mal Möwenknochen gefunden, die hatte ich auch an der Wand hängen…

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