Glaubst du schon oder (ver-) zweifelst du noch?

Ganesha

Mit der Spiritualität ist das so eine Sache. Wenn man Menschen fragt, ob sie spirituell sind, bekommt man die verschiedensten Reaktionen. Viele rufen sofort und mit dem Brustton der Überzeugung: „Was für ein Humbug!“ Andere hauchen ein kleinlautes „Joa. Ich glaube schon.“ Aber bloß nicht zu laut drüber reden! Sonst denken die anderen am Ende noch, man wäre gaga. Und dann sind da die, die ihre Spiritualität pflegen wie Kopfweh und Verdauungsstörungen und es alle anderen wissen lassen. Gefragt oder ungefragt. Immer ein wenig „too much information“. 

Dabei bedeutet Spiritualität  im Grunde schlichtweg erst einmal „Geistigkeit“ und trägt auch das Wort „spiritu“, also „Ich atme“, in sich.  Per se ja nichts Schlimmes. Atmen muss jeder. Im Pranayama tun wir es sogar sehr bewusst. Und es tut uns gut.  Auch das Wort „Religion“ hat einen mindestens genauso spannenden Wortstamm: „Religio“ – „Zurückschauen zum Ursprung“. Auch das ist etwas, was uns oft viel über uns selbst verrät, vielleicht nicht immer leicht fällt und in unserer hektischen Welt gerne mal vergessen wird. Yogi Bhajan hat da ein paar kluge Worte gefunden:

„Was ist dein Ursprung? Geist! Und was ist dein Ende? Geist! Deshalb: Was schlägst du dich herum? Weshalb diese Diskussionen? Wenn du beharrlich bist und unter allen gegebenen Umständen dich auf das Eine beziehst – das du Teil der Unendlichkeit bist und dich immer darauf verlassen kannst -, dann wirst du nie unglücklich sein.“ (Vortrag „Was ist Yoga?“/1970)

Denn das ist der Kernpunkt des Ganzen: Du bist nicht alleine. Egal ob Tempel,  Kirche oder Yogastunde – sie alle sind dazu da, um Menschen zusammenzuführen und gemeinsame Erfahrungen machen zu lassen. Das ist auch wunderbar übertragbar auf unsere kleinen „Kämpfe“ im Leben. Egal, ob es der Protest vor dem Zirkus ist, das kleine Café um die Ecke, welches seit neustem veganen Kuchen anbietet oder auch nur das Bewusstmachen, dass unser Denken und Handeln Auswirkung auf unser direktes Umfeld hat. Irgendwie gehört alles zusammen. Einsame, für sich kämpfende Egozentriker*innen kommen auf lange Sicht nicht weit. Gemeinsam ist es leichter.

Aber ist das nicht leichter gesagt, als getan?

Für mich war Spiritualität immer etwas, dass uns gegeben wurde und mit dem wir arbeiten müssen. Jeden Tag. Daher galt für mich auch nie der Satz „Wenn es einen Gott gibt, wieso lässt er das zu?“ Ich sehe Spiritualität als Handwerkszeug, mit dem wir jeden Tag üben müssen. Und es auch mal gehörig verbaseln. Aber es ist immer da. Wer mag greift zu.

Besonders Kinder tun das gerne und mit Leidenschaft. Sei es der Glaube an den Weihnachtsmann, die Zahnfee oder daran, dass der Wunsch beim Auspusten der Kerzen auf dem Geburtstagskuchen in Erfüllung geht. Bei Erwachsenen hapert es dann meistens etwas. Bis auf das Kerzen auspusten. Das tun dann auch wieder die, die sich vorher vehement als nicht spirituell bezeichnet haben. Oft hört man auch davon, dass Erwachsene nach einschneidenden Erlebnissen und Notlagen zu ihrer Spiritualität zurückfinden.  Als „Rettungsanker“, wenn nichts mehr hilft. Oder weil man ein wenig Beistand ja immer gebrauchen kann, sich aber meist nur daran erinnert, wenn es ungemütlich wird. Es ist ein wenig wie mit Freundschaften. Man nimmt sie als gegeben hin. Und merkt manchmal zu spät, dass man diese auch pflegen muss. Das Schöne: Spiritualität ist nicht nachtragend. Der Zug hält immer und immer wieder vor der Tür und wartet nur darauf, dass wir einsteigen.

Und er sieht für jeden anders aus. Wer seinen Frieden im Gottesdienst sucht, tut im Grunde nichts anderes als jemand, der sich zur Meditation hinsetzt und inne hält. Der Geist beruhigt sich, Gedanken werden klarer, Prioritäten verschieben sich. Und selbst schon das morgentliche Lesens eines Mantras, der kurze Blick auf ein Foto geliebter Menschen oder ein anderes, bewusst ausgeführtes kleines Ritual bringen uns zurück. Zu uns. Zu unseren Gedanken und raus aus der hektischen Welt um uns herum.  Um dann neue Kraft zu schöpfen, für neue Erfahrungen, Hindernisse und Herausforderungen.                                                                                      

Apropos: Ich habe ja gerade ein einschneidenes Erlebnis gehabt. Dem Tod ins Auge gesehen. Weißes Licht. Engelschöre. Das Leben als Film vor dem inneren Auge. Oder? Sorry, ich muss euch enttäuschen. Weißes Licht ja. Im Schockraum, als malerisches Setting für fesche Notärzte. Aber mich beschlich schon ein wenig das Gefühl, dass ich nicht nur einfach unglaubliches Glück hatte, sondern da irgendwie mehr dahinter steckt. Ob es nun meine Mala war, ein Schutzengel auf der Straßenlaterne oder das Stoßgebet eines Mitfühlenden. Who knows.

You can talk things into existence!

Fakt ist: Ob ich nun bete, ein Mantra rezitiere oder Selbstgespräche führe, ich spreche etwas aus. Versetze die Luft um mich in Schwingungen und gebe meinem Hirn (und dem Universum um mich herum) Futter. Und die machen was draus. „You can talk things into existence.“ Ganz sicher. Wer dran glaubt, gibt dem Ganzen noch mal zusätzlichen Antrieb. Ist achtsamer mit dem, was er oder sie tut und sagt. Erlebt den Moment bewusst. Und handelt auch danach. Und das erzeugt eine Kettenreaktion. In die eine oder die andere Richtung. Das muss nicht 24/7 sein. Nein, das wäre ja furchtbar anstrengend. Für mich und meine Mitmenschen. Aber einfach das Wissen, dass sich da was tut – in welcher Form auch immer – beruhigt.  Ungemein. Auch wenn sich das vielleicht erstmal „gaga“ anhört.

Ich habe hier einen Tisch, auf dem ich Dinge sammle, die mir etwas bedeuten. Die mir gut tun. Seit kurzem steht da auch ein kleiner, bronzener Ganesha. Der war mir auch schon vorher nahe. Als Beseitiger und auch Setzer von Hindernissen, mit seinem dicken Bauch und dem freundlichen Elefantenkopf. Humorvoll, klug und naschhaft. Oh, I feel you little boy!  Tja, mein Hindernis hat er gesetzt. Deutlich und nachwirkend. Aber er hilft mir auch sehr bei der Beseitigung. Glaube ich.  Deshalb steht er hier. Und wenn er es nicht tut, dann steht er hier halt nur rum und sieht gut dabei aus.

3 Gedanken zu „Glaubst du schon oder (ver-) zweifelst du noch?

  1. Gesche

    Liebe Kathrin,
    angeklickt habe ich diesen Beitrag, weil ich den kleinen runden Elefanten irgendwie drollig und ansprechend fand (Ganesha, wie ich jetzt gelernt habe). Dabei geblieben bin ich, weil ich die Sorge für gaga gehalten zu werden, wenn ich über Spiritualität im Allgemeinen und dem Gefühl von Frieden und angekommen sein , wenn ich allein in der Natur sitze im Speziellen rede oder schreibe.
    Ich hatte erst vor wenigen Tagen eine Unterhaltung mit meiner besten/ältesten/engsten Freudin, wo ich über Ideen für meinen Blog sprach und, dass ich die nicht umsetzten könnte, weil die zu „esotherisch“ seien. Dankbarerweise lässt diese Freundin keinen Mist durchgehen 🙂 und hat mir gleich den Kopf gewaschen.
    Ich glaube fest daran, dass man Dinge in Existenz reden (und denken) kann. Ich habe mir in meinem Leben soviele negativen Dinge eingeredet. Es ist schon seltsam, dass man das für voll nimmt, aber denkt sich nicht auch postitive DInge einreden zu können, bzw. dass das dann Blödsinn sei.
    Oh, jetzt bin ich ganz schön ins TIppen gekommen — wollte dir noch alles Gute für deine weitere Genesung wünschen,
    liebe Grüße,
    Gesche

    P.S.: Vor Monaten hast du mal darüber geschrieben Mineral Makeup mit Öl zu vermischen und dann aufzutragen- hat meine Winter-Makeup-Routine revolutioniert, danke!

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  2. Lena

    Ein wirklich schöner Artikel! Im Endeffekt entscheiden doch nur wir selbst, was Spiritualität für uns bedeutet. Die einen glauben leise und die anderen laut. Das Schöne ist, der Glauben kann ich sich auch stetig verändern, genauso wie wir selbst.

    Liebe Grüße
    Lena

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