„Wie, du bloggst?!“

 

Obiges Videos wurde mir gestern während der blogst Twitterparty in die Timeline gespült und war schlussendlich der Auslöser dafür, dass ich mich hinsetzte und endlich niederschrieb, was mich schon eine ganze Weile beschäftigt. 

Ich fühle mich immer ein bisschen kriminell. Oder wie ein Mitglied in einem ganz geheimen Geheimbund, von dem andere nur eine leise Ahnung haben und bei dem man seine Mitgliedschaft lieber verschweigt. Aber heute muss ich es gestehen:

Ich blogge.

Ich spüre die Blicke einiger Kolleginnen förmlich auf mir. Dieses wissende, fragende, sich aber doch nicht trauende. Dieses „Ich habe da mal eine Frage in Sachen Internet. Kannst du mir helfen? Du bist da ja ganz schön aktiv, wie ich gestern gesehen habe.“. Und dann doch nicht weiterfragen. Sicher, es ist eine Illusion zu denken, dass niemand wüsste was ich täte. Die Welt ist ein Dorf. Über Umwege hat selbst meine Chefin mitbekommen was ich mache. (und mich bis jetzt nicht vor die Tür gesetzt.) Aber geschätzte 75%-80% der Personen mit denen ich jeden Tag zu tun habe interessiert sich so gut wie nicht für das Internet und das pralle Leben darin. Dabei braucht man nur meinen Namen bei Google einzugeben und weiß was ich so treibe. Dafür müsste man allerdings seine comfort zone aus Favoritenleistenbewohnern wie Wikipedia, Zalando und der DB-Auskunft verlassen. Und meine private Facebookchronik sehr genau lesen. Denn ich halte mich dort in Sachen Blog zurück.

Und da beginnt das Nebulöse. Für viele Menschen ab 30+ hat das Internet immer noch etwas anrüchiges. Es raubt Zeit und Hirnzellen und wird privat nur von Menschen genutzt die entweder keine Freunde haben oder zu viele und jedes Wochenende um die Häuser ziehen. Und die auch sonst nichts sinnvolles zu tun haben.

„Bloggen? Habe ich mal gehört. Das ist so etwas wie Tagebuch schreiben, oder? Aber da kann ja jeder mitlesen? Oh, diese Jugend! Immer dieses Mitteilungsbedürfnis. Denk doch an deine Sicherheit! Irgendwann holt dich das ein. Lade bloß keine Partybilder hoch. Und erzähle nicht so viel Privates!“

Vielleicht sollte ich mehr drüber reden. Aber was soll ich sagen“? „Hey, ich schreibe einen Blog. Über Veganismus. Über Kosmetik und Mode. Und was ich sonst noch so erlebe. Und es gibt tatsächlich Menschen, die es interessiert.“ Während mein Umfeld über seine Kinder, die Arbeit und seine Sorgen spricht? Ich schäme mich immer ein bisschen. Und halte das was ich tue für ziemlich irrelevant. Ich traue mich nicht mir herauszunehmen zu erzählen, dass ich einen großen Teil meiner Freizeit für das Bloggen verwende. Das ich abends manchmal bis zu zwei, drei Stunden an einem Artikel sitze. Das ich recherchiere, ausprobiere, verwerfe, grübele, tüftele. Das ich das alles neben meinem Vollzeitjob tue. Wie gern hätte ich meiner Lieblingskollegin von meinem Besuch bei Pure Schönheit am Freitag erzählt. Aber was soll ich sagen? „Ich war dort und habe darüber übrigens im Internet berichtet?“ 

Es hat mich einiges an Überwindung gekostet (und tut es manchmal auch heute noch) auf einer Messe auf Firmen zuzugehen und zu sagen: „Ich bin Bloggerin. Kennen Sie einbisschenvegan.de? Das ist meine Seite.“ Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Der Großteil schaut einen tatsächlich an als käme man von einem anderen Stern. Der andere fragt interessiert nach oder weiß sogar um was es geht. Sind wir doch nicht so unwichtig? Darf ich mich ernst genommen fühlen? 

Ja, warum eigentlich nicht? Das Bloggen hat mir nichts genommen. Vielmehr hat es mein Leben bereichert. Im Video beschreiben viele das Bloggen als Heimat. Da ist was dran. Ich in den letzten vier Jahren vieles gelernt und erleben dürfen. Dinge, von denen ich zuvor nur träumen durfte. Ich habe viele neue Menschen über dieses „Bloggen“ kennengelernt, wenn oft auch erstmal nur im Internet. Aber wisst ihr was? Das ist eine feine Sache. Denn die meisten Menschen verstellen sich nicht im Netz (bzw. nicht mehr als sonst auch…), sind keine sexbesessenen Monster oder vereinsamte Soziopath_innen. Sie sind so wie ich neugierig, interessiert und unterhalten sich gerne. Egal wo sie wohnen. Sie kommen zu mir in meine kleine Heimat und ich besuche sie in ihrer. Ich habe in den letzten Jahren neue Orte gesehen, Messen und Events besucht und war sogar in der Onlineausgabe der Zeit vertreten. Weiß hier kein Mensch. Schön blöd eigentlich.

Bloggen IST relevant. Nach diesem Video glaube ich es sogar ein bisschen. 

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5 Gedanken zu „„Wie, du bloggst?!“

  1. Caro

    Danke für den Beitrag, geht mir auch so. In der letzten Zeit war ich dann auf Weihnachtsfeiern/Essen mit entsprechenden „internetfeindlichen“ Kollegen und was sich mir da bot, hat mich sehr erschreckt: Fast jeder holte sein Smartphone raus und zeigte seinen Nachbarn die ach so lustigen/skurillen Bilder und Videos aus dem Netz. Furchtbar. Ich lasse aus Anstand mein Smartphone in der Handtasche, dabei würde ich lieber live über das Erlebte twittern….

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  2. Pepsa

    Oh was ein tolles Video!!! 🙂
    Und, gut geschrieben. Kann mich da größtenteils anschließen. Allerdings hab ich den Vorteil, dass meine Lieblingskollegin davon weiß und sich (zumindest gelegentlich) auch dafür interessiert.
    Liebe Grüße!
    die Pepsa

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  3. Samira aus der Kochwelt

    Hallöchen,

    oh ja, dass Gefühl, dass das was ich tue keine Relevanz hat kommt mir sehr bekannt vor. In meinem Bekannten und Freundeskreis wissen es eigentlich fast alle, aber trotzdem schauen viele komisch, wenn mein Freund und ich von unseren Erlebnissen und Erfahrungen sprechen, weil diese meist das Internet wirklich auch nur für das notwendigste an Recherchen nutzen. Ich finde jedoch schon, dass das was wir machen Relevanz hat und auch immer mehr an Relevanz gewinnen wird!

    Und ich persönlich muss sagen, dass es ganz wundervoll ist, was das Internet neben der Möglichkeit wiki und co zu nutzen zu bieten hat!

    Viele Liebe Grüße aus meiner Küche und einen schönen Sonntag dir!

    Samira

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  4. Kristin

    Ein ganz toller Post! Du sprichst mir aus dem Herzen!
    Auch ich fühle mich manchmal, insbesondere in meinem Arbeitsumfeld, als eine Art Alien von einem anderen Stern…viele bewegen sich wirklich Null im Internet und kennen nicht mal Twitter, Instagram etc.! Bloggen ist für sie völlig unverständlich. Wie kann man nur das Bedürfnis haben, seine Gedanken öffentlich zu teilen!
    Aus diesem Grund trenne ich hier auch sehr strikt. Ich erzähle auf der Arbeit niemandem von meinem Blog, aber es gibt schon einige, die auf Grund meiner Themen zu Eat Train Love gefunden haben! DIESE Rückmeldungen hingegen waren immer positiv, was mich total freut! 🙂

    Auf jeden Fall: Danke für diesen wunderbaren Beitrag!

    Liebe Grüße Kristin

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