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Female-Shaming Sexismus

Kolumne | Heilige, Hure oder Hausfrau?

Female-Shaming Sexismus

Eigentlich wollte ich einfach nur einen Kommentar zu Female-Shaming bei Maddie abgeben, die Bezug auf den dämlichen Septum-Artikel eines anscheinend leicht zu verunsichernden Journalisten nahm. Der sprengte aber schnell den Rahmen und so wurde eine Kolumne daraus.

Seit einigen Wochen weiß nun auch ich, wie es sich anfühlt, wenn Menschen einem den Tod an den Hals wünschen. Oder „Asylrudelbumsen von 20 Syrern“. Ein wenig beruhigt es mich, wenn ich sehe, dass hier meist nur eine vergewaltigt wird: Die deutsche Sprache. 

Auffallend jedoch: Wird in solchen Situationen geschlechterübergreifend an der Intelligenz gezweifelt und vielleicht noch mit Mord gedroht, wird es bei Frauen sehr schnell sexuell. Sie werden degradiert und objektiviert. Frauen sind dazu da benutzt zu werden. Und Männer, um ihnen zu zeigen, wo es im Leben lang geht. Logisch. Zumindest in den Köpfen dieser Menschen.

Auffallend auch: Mit Solidarität ist in so einem Fall eher wenig zu rechnen. Was anscheinend mehrere Gründe hat. Die Polizei spielt es herunter und sieht das Problem nicht. „Das ist halt so Zeug, was solche Idioten schreiben. Das muss man einfach ignorieren.“  
Das digitale Umfeld hält sich bedeckt. Womöglich aus Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden. Ducken, unauffällig bleiben, das blöde Gefühl vorüberziehen lassen. Verständlich? Verdammt, ich hätte es vielleicht genauso gemacht.

Denn eigentlich dachte ich bisher, dass ich hier in einer ganz anständigen Blase sitze. Ich hatte nicht das Gefühl, täglich sexistischem Mist ausgesetzt zu sein oder schiefe Blicke auf der Straße zu kassieren. Und wenn mich dann doch mal ein Artikel im Netz auf die innere Palme bringt: Stecker ziehen, Klappe zu. Es kann so einfach sein. Probleme mit Sexismus und Female-Shaming haben doch eh immer nur die anderen.

Doch bei genauerem Hinsehen ist es weniger das Fehlen von Sexismus und Female-Shaming als vielmehr das gekonnte Ignorieren. Wenn man sich aber darauf einlässt und auch mal die Perspektive wechselt, dann begegnen einem am laufenden Band immer wieder Situationen in denen Frauen abgewertet, objektiviert oder einfach nur belächelt werden. Klar. Die kann man weiterhin ignorieren. Ein Fass aufmachen wegen einer leicht bekleideten Frau in der Strom-Werbung? Den Mund aufmachen bei dumpfen Sprüchen auf der Party? Lieber nicht. Versteht eh niemand und am Ende wird mir wieder die Welt erklärt. 

Einfach weiter mein Ding machen, dann passt das schon. Aber tut es das? Ist dieses Ignorieren nicht auch ein Hinnehmen? Innerlich können wir noch so resilient, stark und gewappnet sein. Es kann uns noch so am Allerwertesten vorbei gehen. Von außen sieht es aus wie Resignation. Das ist halt so. Das war schon immer so. Weitermachen. 

Man nehme beispielsweise ganz aktuell die Olympischen Spiele: Da sagt ein Moderator unkommentiert Sätze wie „Nach der Rhythmischen Sportgymnastik nun wieder zu richtigem Sport.“ Oder eine 16-jährige Turnerin wird aufgrund ihres Outfits massiv kritisiert, welches nicht patriotisch genug sei, während ein 32-jähriger Schwimmer sich die Hucke vollsaufen, daneben benehmen und lügen darf. Um im Anschluss dennoch nur als „Rowdy Boy“, der „einfach mal eine Pause brauchte“ bezeichnet zu werden. Dieser Schlingel!

Da wird über muskulöse Oberarme, markante Gesichtszüge und Oberschenkelumfänge debattiert. Aber natürlich nur bei Frauen. Selbstredend. Und wenn sie dann auch noch Erfolge feiern können, das Ding so richtig rocken und ordentlich Medaillen abräumen – werden Vergleiche zu Männern gezogen. „Der weibliche Michael Jordan“. Oder aber sie werden gleich gar nicht erst namentlich genannt, sondern landen mit „Frau von… gewinnt Medaille“ in der Presse. Übrigens kein rein olympisches Phänomen. Als Britta Ernst 2014 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein wurde, titelte eine Zeitung: „Frau von Olaf Scholz wird Ministerin“. Kein Witz. Leider.

Manchmal beschleicht mich allerdings der Gedanke, dass Frauen an diesem Dilemma nicht ganz unschuldig sind. Ich arbeite in einem Beruf, welcher fast ausschließlich von Frauen ausgeübt wird. Hier sollte man also auf den ersten Blick davon ausgehen können von Bewertungen verschont zu bleiben. Denkste! Wer glaubt, Frauen untereinander sind alle wahnsinnig supportive und verfolgen die gleiche Sache – nämlich Empowerment – der irrt. Oder hat zu viele „Life Coaches“ auf Instagram gesehen.

Und zwar nicht nur, weil Body/Gender/Sex/Whatever-Shaming auch durchaus eine weibliche Handschrift tragen kann. Vielmehr auch, weil viele Frauen sich selbst gerne selbst kleiner machen als sie sind. Da braucht es nicht mal Einwirkung von außen. Dürfen wir das? Können wir das? Ist das sozial/freundlich/empathisch genug? Und: Natürlich machen wir das. Weil es von uns erwartet wird. Das war schon immer so.

punkteklein

Selbst im Jahr 2016 scheint ein Großteil der Bevölkerung der Meinung zu sein, sie hätten das Recht Frauen zu typisieren. „Die Nette“, „Die Schöne“, „Die Soziale“, „Die Tapfere“. Manchmal fühle ich mich wie ein einem Set von Tarotkarten. Man hofft einfach nicht „Der Tod“ zu sein.

Schon Meredith Brooks sang: „I’m a bitch, I’m a lover, I’m a child, I’m a mother, I’m a sinner, I’m a saint,
I do not feel ashamed, I’m your hell, I’m your dream, I’m nothing in between.“
Der Refrain endet mit „You know, you wouldn’t want it any other way.“ 

Wenn ich mir die Kommentare in den sozialen Netzwerken so durchlese, bin ich mir da nicht so sicher. Wenn sich einige Männer schon von einem Piercing so sehr verunsichern lassen, ist ihr Frauenbild anscheinend leicht zu erschüttern. Dann mal los.